Wendlings Wunderkiste
Ein Fund aus dem Nachlass
Im Nachlass von Norbert Wendling, einem kürzlich verstorbenen Bekannten, fanden sich einige alte Fotoapparate, mit denen ich mich beschäftigen darf. Darunter auch eine kleine Kompaktkamera aus dem Jahr 2013: eine Sony DSC-HX50V.
Ältere Digitalkameras üben auf mich eine besondere Faszination aus. Ähnlich wie analoge Apparate wecken sie nostalgische Erinnerungen – in der Bedienung ebenso wie in der Bildästhetik. Die Sony ist dafür eigentlich zu jung, kein digitaler Oldtimer im klassischen Sinne. Ihr CMOS-Sensor bringt stattliche 20 Megapixel mit, was beachtlich wäre, wenn der Sensor nicht so winzige Abmessungen hätte. Technisch bewegt sie sich, was Auflösung und Farbklima betrifft, auf einem annähernd modernen Stand.
Digitale Retrofetischisten greifen eher zu den frühen Digitalkameras der Jahrtausendwende, die noch auf CCD-Sensoren basierten und oft einen vermeintlich „analogen“ Charme mitbringen. Diese Sony gehört nicht dazu.
Defekt, Zufall und ein aktivierter Algorithmus
Als ich die Kamera auflud und versuchte, die Uhrzeit einzustellen, sprang das Menü wie von Sinnen hin und her. Das Drehrad auf der Rückseite, zuständig für die Navigation, hatte unter der langen Zeit des Stillstands gelitten. Ein Problem, das ich auch von anderen digitalen Geräten kenne.
Doch nach den ersten Testaufnahmen dann die Überraschung: Sämtliche Konturen waren nachgezeichnet, die Bilder wirkten wie illustriert. Beim hektischen Herumirren in den Menüs hatte sich der Illustrationsmodus aktiviert.
Kameras wie diese versuchten, ihre Käufer mit einem möglichst großen Ausstattungspaket zu locken. Dazu gehörten zwangsläufig auch zahlreiche Bildeffekte – Spielereien, an denen man sich meist schnell satt sieht.
Der Bildstil als Medium
Warum also nicht genau diese Beschränkung akzeptieren und den comicartigen Bildstil zur gestalterischen Vorgabe machen?
Bei unserer Reise nach Hiddensee über Silvester packte ich die Sony zusätzlich zu meiner eigentlichen Kamera mit ein. Neben den Schwarzweißaufnahmen durfte es nun auch Farbe geben – allerdings ausschließlich mit dieser Sony.
Die Gefahr, sich damit zum Affen zu machen, ist nicht gering. Welcher ernsthafte Fotograf nimmt freiwillig eine solche Kamera mit diesem Effekt mit?
Doch aus Knappheit erwächst bekanntlich Kreativität. Wenn man den Bildstil nicht als Effekt, sondern als Medium begreift, beginnt man anders zu sehen. Genau dieses Ausbrechen aus Normen, aus eingeübten Sehgewohnheiten und gewachsenen Erwartungen bereitet mir große Freude und führt zu Erkenntnisgewinn.
Regeln, Einschränkungen und das 6×7-Format
Um die Aufgabe weiter zuzuspitzen, lege ich zusätzliche Regeln fest: Keine Nachbearbeitung außer einer leichten Anpassung der Helligkeit. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, ein Beschnitt auf das 6×7-Format.
Dieses Format gilt nicht ohne Grund als Meisterklasse. In der analogen Fotografie war es lange Zeit ausgewiesenen Spezialkameras vorbehalten und fand breite Verwendung im hochwertigen Magazin- und Buchdruck. Nahe am Quadrat, zugleich aber klar rechteckig, bringt es Ruhe und Ordnung ins Bild. Das klassische Seitenverhältnis erdet den experimentellen Bildstil und gibt den algorithmischen Eingriffen einen stabilen Rahmen.
Typische Apparate für das 6×7-Format waren beispielsweise die Pentax 6×7 oder die Mamiya RZ67, beides schwere Spiegelreflexsysteme, oder die Messsucherkameras Fuji GW 670 und die Mamiya 7. All diese Kameras haben heute noch ihre Fanbase und sind auf dem Gebrauchtmarkt sehr gesucht.
Die Sony hat natürlich keinen 6×7-Aufnahmemodus; der Sensor misst 6,2 × 4,6 mm und hat somit ein 4:3-Format. Ich muss mir also beim Blick auf das Display (einen Sucher hat die Kamera nicht) den späteren Beschnitt gedanklich hinzurechnen.
Überraschung auf dem Display
Mit jedem Tag wächst der Spaß an dieser Arbeitsweise. In der Kleinansicht auf dem Kameradisplay wirken die Aufnahmen zunächst nahezu unverfälscht. Erst bei größerer Darstellung entfaltet sich die Wirkung des Algorithmus.
So wird nach jedem Ausflug als Erstes die Kamera mit dem Notebook verbunden, um die Bilder auf das 6×7-Format zuzuschneiden und anzusehen – mit derselben Mischung aus Spannung und Freude, mit der man früher die entwickelten Abzüge aus dem Fotolabor abholte.
Linien, Flächen und Schraffuren
Die Farben sind flach und kontrastarm, Kanten werden deutlich verstärkt. Kleinteilige Szenerien zerfallen im Strichelchaos, verlieren ihre Ordnung. Klare, bildfüllende Motive hingegen funktionieren erstaunlich gut.
Besonders die Texturen der Natur entfalten eine eigene Qualität: Gräser, blattlose Bäume, Efeublätter oder die Wellen auf dem Meer verwandeln sich in dichte, beinahe grafische Schraffuren.
Ist das noch ein Foto?
Doch die Frage ist berechtigt, ob es sich bei dem Ergebnis noch um ein Foto handelt. Medienphilosophen wie Roland Barthes haben sich mit solchen Fragestellungen auseinandergesetzt. Ein wichtiger Faktor hierbei ist die sogenannte Spur zur realen Welt: Das, was das Foto abbildet, war real – „Es ist so gewesen“. Es geht dabei nicht um die Exaktheit der Abbildung.
Für mich begründet diese Eigenschaft auch die Faszination an den Bildern: Bei aller Abstraktion sehe ich als Fotograf, als Beiwohner des entscheidenden Moments, die reale Szene vor mir.
Wem es missfällt, das ein Foto zu nennen, der hat wohl noch nie in der analogen Dunkelkammer gestanden und mit der Solarisation experimentiert: Hier schaltet man kurz das Licht an, während der vergrößerte Print im Entwickler schwimmt und im Rotlicht die ersten Konturen zeigt. Die Solarisation führt zu einem ähnlichen Effekt wie der Illustrationsfilter: Sie verstärkt die Konturen und verändert die Flächen. Ich habe als junger Mensch Stunden im Labor gestanden und mich an diesen Effekten erfreut.
Eine Schule für das Sehen
Es ist ein höchst subjektives Metier, in dem ich mich bewege: In dem selbst gesteckten Rahmen, in der vorgegebenen Bildästhetik, die Motive so zu gestalten, dass sie mich ansprechen, wenn ich sie später anschaue.
Das, was auf den algorithmisch übersetzten Bildern für uns Betrachter funktioniert, muss vom Motiv mitgegeben werden. Genau das ist die gestalterische Aufgabe: Sieh die Welt wie eine Illustration im 6×7-Format. Finde die passenden Motive.
Nach und nach beginnt man im Kopf bereits diese Bilder vorauszuahnen: die verwaschenen Farbflächen, aus denen sich die eigentlichen Motive wie auf einer Bühne präsentieren. Und manchmal überrasche ich mich dabei, dass ich diesen Look ganz automatisch schon in der realen Welt sehe.
Eine andere Sicht auf Hiddensee
Nach einigen Tagen ist eine kleine Sammlung von Hiddensee-Impressionen entstanden, wie wir sie so noch nicht gesehen haben. Die Bilder reduzieren auf das Wesentliche, auf die Urform. Motive werden zu Ikonen, skizziert durch wenige bestimmende Linien, und verraten ihre Dinglichkeit durch starke Vereinfachung. Objekte verlieren ihre Individualität, ihre Attribute, und werden zu Typen, zu Gattungsbegriffen: Schiff. Person. Rettungsring. Welle.
Die einzelnen Fotos bekommen dabei eine gewisse Beliebigkeit; es ist die Sammlung, die Zusammenstellung, die Hiddensee erkennen lässt.
Ist das Kunst?
Diese Frage brauche ich nicht zu beantworten, kann ich auch gar nicht – denn ob etwas Kunst ist oder nicht, wird über die Wahrnehmung bei den Rezipienten definiert:
Ein Foto wird nicht Kunst,
- weil es ein Konzept hat,
- weil es schwierig war,
- weil es gefällt oder nicht gefällt,
sondern weil es sich der Erwartung aussetzt, verstanden, missverstanden oder abgelehnt zu werden – und das aushält.
Wenn man diese eher moderne Interpretation des Kunstbegriffs als Messlatte nimmt, so finde ich, dass die Bilder zu wenig Reibung erzeugen, zu wenig Widerstand mitbringen. Meine Herangehensweise bestand ja darin, gerade die Motive auszuwählen, die besonders gut zu Effekt und Bildformat passen. Ich suche den Eyecatcher, die Gefälligkeit, nicht den Widerstand.
Wobei das gewählte Medium durchaus das Potenzial für Widerständigkeit mitbringt – mit Fotos beispielsweise, die ihre Form und Kontur durch den Algorithmus verlieren oder Spielräume für andere Deutungen öffnen.
Das wäre dann der Rahmen für ein anderes Projekt. Was bei mir bleibt, ist die Freude am Sehen und Erleben von Hiddensee und die Lust an der Gestaltung der Bilder.
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