Mit dem Fahrrad von Spandau nach Lübbenow
Seminarwoche in Lübbenow
Es ist schon eine Tradition - seit 5 Jahren fährt CosmoCode nach Lübbenow, um dort zu tagen, zu diskutieren, und miteinander zu feiern. Das Herrenhaus in Lübbenow ist ein großartiger Platz dafür - 18 große Zimmer, dazu ein riesiger Saal mit Bühne. Das Herrenhaus war in der DDR eine Schule, und als zusätzliche Hinterlassenschaft aus dieser Zeit gibt es nebenan eine Turnhalle mit einem kleinen Pool. Beste Voraussetzungen, um gemeinsam eine produktive und schöne Zeit zu verbringen.
Die letzten Jahre bin ich immer mit dem Auto dorthin gefahren, diesmal will ich es mit dem Fahrrad tun.
165 km sind mit Gepäck schon eine Ansage, und definitiv zu viel für einen Tag. Doch da meine Schwester Ulrike samt Ehemann Leander just zu dieser Zeit mit einem Boot auf der Havel rund um Fürstenberg unterwegs sind, haben wir uns für einen Abend in Himmelpfort verabredet. Prima - eine Unterkunft, und ein schönes Wiedersehen zugleich!
100 km von Spandau nach Himmelpfort
Der naheliegende Weg von Berlin nach Hinmelpfort ist sicherlich der Havelradweg, der zwar schön ist, den ich aber zur Genüge kenne. Statt dessen habe ich mir mit Komoot eine Tour zusammengestellt, die etwas westlich über Gransee verläuft.
Um 7:00 Uhr radel ich los; das Rad ordentlich schwer mit Regenzeug, Kleidung, Verpflegung und Notebook. Ein sanfter Nebel liegt über dem Land und verzieht sich langsam. Noch auf dem Mauerweg sehe ich ein Rudel Rehe in der Ferne.




Nach Marwitz komme ich durch Bärenklau und Sommerswalde; dort mache ich am Schloss kurz Rast. Eine Bäckerpause käme gerade recht, doch Bäcker gibt es leider keine. In Teschendorf rät man mir, es in Löwenberg zu versuchen. Als ich in Löwenberg eine Frau frage, wo die Bäckerei sei, entgegnet sie mir, dass diese vor mir stehe - sie sei die Bäckerin, und hat gerade die Backstube zugeschlossen.
Großmutz, Hofcafe Koch
Pech. Also fahre ich zur Tankstelle, hole mir Cappucino und Gebäck, und radel durch Löwenberg hindurch, welches durch die Kreuzung der Bundesstraßen B69 und B167 ziemlich verkehrsreich ist. Cappucino und Gebäck wird auf der Straße vertilgt, und kurz danach gelange ich in das Angerdorf Großmutz. Wie auf einer Perlenschnur liegen hier schöne klassizistische anmutende einstöckige Wohnhäuser; die meisten renoviert; ein paar wenige warten noch darauf, dass jemand seine Träume darin verwirklicht.
Und direkt neben der Kirche in einem großen Innenhof liegt der Bauernhof Koch, mit warmen Speisen und Kuchen. Sehr schön! Ein zweiter Kaffee passt noch, und ein noch warmes Stück Käse-Mohn ebenfalls. Eine echte Empfehlung.




Nach Großmutz geht es nun gen Norden, ich gelange nach Meseburg. Als ich dann das Schloss sehe, wird mir klar, woher ich es kenne - es ist das Gästehaus der Bundesregierung. Ein großer Zaun mit Sicherheitskameras außenrum, ein öffentlich zugängliches Schlossrestaurant daneben. Nach Meseburg radel ich einmal kreuz und quer durch Gransee, und hinter Gransee lasse ich mich ins Gras fallen um eine halbe Stunde zu dösen. Aus Schlaf wird leider nichts; ich liege direkt neben einem Flugplatz, und über mir kreischen und johlen die an Fallschirmen baumelnden Menschen, von knatternden Motorfliegern ausgespuckt.

Nun ist es nicht mehr weit. Noch ein Stück durch den Wald, dann komme ich nach Bredereiche. Hier in der Nähe - bei der Schleuse Bredereiche - war ich mit Moni vor ein paar Wochen im Kapriolenhof essen. In der Kirche war ich vor 7 Jahren bei meiner Berlin Kopenhagen Radreise, und hatte den Kaffenkahn in der Kirche baumeln gesehen - das will ich mir noch einmal anschauen. Die Kaffenkähne waren Lastkähne, die auf der Havel schipperten, um die im Umland gebrannten Ziegel nach Berlin zu bringen.
Schließlich komme ich an und treffe Ulrike und Leander an der Schleuse - wir müssen noch etwas warten bis sie endlich den Schleusengang hinter sich haben und ich auf das Boot komme.




Wir schaffen es, das Fahrrad irgendwie auf das Boot hinzustellen; richtg bequem ist es aber nicht. Besser wäre es wohl, das Rad beim Bootsverleiher unterzubringen, aber noch habe ich bei dem neuen Leasing Rad Schiss, dass es mir geklaut wird.
Wir schippern durch die Kanäle, und ankern ein paar Meter vom Ufer entfernt. Abends gibt es Nudeln und Salat (“kleine Bordküche”), und ich schlafe in der Kajute zusammengerollt. Draußen gluckert es. Wie in Mutters Bauch.
77 km von Himmelpfort nach Lübbenow
Am nächsten Morgen heißt es Abschied nehmen von Ulrike und Leander. Ich radel bei Sonnenschein durch ein Stückchen blühende Heide und komme an alten Zirkuswagen vorbei, die man mieten kann, dann zieht der Himmel sich zu und es fallen ein paar Tropfen. Bei Feldberg ist der Weg sehr hügelig, wenngleich wunderschön, und führt mich um den Feldberger Haussee herum.




Hinter der Feldberger Seenlandschaft muss ich nun auf Autostraßen fahren. Gefühlt ist das Mecklenburg-Vorpommern, aber wir sind immer noch in Brandenburg. Kurz vor meinem Ziel fahre ich durch Wolfshagen, welches durch die schönen Backsteinhäuser und die Königssäule beeindruckt. Ein paar Meter noch, und ich komme in Lübbenow an. Juchhu! Die ganze Strecke von zu Hause - nur mit dem Rad gefahren.



76 km Rückfahrt von Lübbenow nach Fürstenberg
Nach produktiven Tagen in Lübbenow, die Andi wieder als Unconference organisiert, fahre ich am Donnerstag zurück. Ein Tag früher als geplant; für Freitag ist viel Regen angesagt, der Donnerstag soll trocken bleiben (und tut es auch).
Meine wahnwitzige Idee, alles in einem Rutsch nach Hause zu radeln, gebe ich schnell auf und plane um - bis nach Fürstenberg will ich radeln, und von dort bis zum Berliner Hauptbahnhof mit der Regionalbahn RE5 fahren.
Die Strecke ist nicht so hügelig, aber auch nicht so schön wie die etwas weiter nördlich verlaufende Variante über Feldberg, die ich auf der Hinfahrt genommen hab. Dafür komme ich durch Boitzenburg und Berkholz durch, wo ich im Sommer schon entlang gewandert bin. Wir hatten in Berkholz die Kirche besucht und uns über die Grabinschrift der russischen Autorin Olga Bergholz gewundert. Nun will ich nochmal dort vorbei.
Hans Benthin, Berkholz
Als ich einen Herren sehe, der gerade auf die Kirche zugeht, spreche ich ihn auf die ungwöhnliche Grabinschrift - Olga Bergholz auf Grabplatten der Kirche Berkholz - an. Wie es das Schicksal so will, bin ich genau an den richtigen geraten. Denn jener Herr - Hans Benthin - ist für die Pflege der Kirche zuständig, und hatte die Grabplatte anbringen lassen, nachdem er die Zeilen “Nichts ist vergessen, niemand ist vergessen” vom Bikerpfarrer aus Joachimstal gehört hatte.
Herr Benthin hatte die Renovierung der Kirche vor 9 Jahren betreut und dabei auch die Gräber ein paar Meter versetzen lassen. Zu jedem der dort liegenden Toten konnte er die Geschichte erzählen. Seien es die Einschlusslöcher in den Schädeln, Patronen in den Taschen, die als Todesursache Selbstmord verrieten, oder das lange Messer, das Anneliese Karnatz immer bei sich trug, um sich und ihr Kind zu töten falls die Russen kämen. Eben jenes Messer fand man ebenfalls bei den Leichen.
Auch über die Kirche lernte ich neues - die kleine zugemauerte Pforte an der Seite war früher den Frauen vorbehalten, denn diese sollten nicht unter dem Kirchturm hindurchgehen. Wenn Frauen unter Glocken durchgehen, werden sie unfruchtbar, so der Aberglaube.


In Gollmitz begrüßen mich lauter Strohpuppen. Das Dorf bereitet sich auf die 750-Jahr-Feier vor, und die Einwohner nehmen es zum Anlass, den Ort mit zusätzlichen Zuschauern auszustaffieren.



Schließlich erreiche ich den Bahnhof von Fürstenberg, und nach einer Stunde Bahnfahrt bin ich am Hauptbahnhof. Dort mich mit dem schweren Reiserad erst durch die Aufzüge und dann in die vollen Regionalbahnen des Stadtverkehrs zu quetschen, das mag ich nicht. Ich radel die 20 Kilometer nach Hause.
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