Radreise von Rathenow nach Göttingen über den Harz

“Bei diesem Wetter werdet ihr wohl nicht fahren”, sagte meine Mutter tags zuvor, und es klangt nicht wie eine Frage. Zugegeben, die Aussichten waren düster: Deutschlandweit sind Unwetter niedergegangen, Flüsse über die Ufer getreten. Und ein Ende der Regenfälle war nicht in Sicht.

Doch was will man machen: der Reise war geplant, die Übernachtungen reserviert.

Vorgenommen haben wir uns eine Tour in 4 Tagen bis Göttingen - mit Übernachtung in Oschersleben, Braunlage und Gleichen. Weil die Tour von Berlin aus etwas zu lang gewesen wäre, sind wir von Rathenow aus gestartet (70 km vor Berlin, mit dem Regionalzug ab Spandau oder Staaken in 45 Minuten zu erreichen).

Tag 1: 136 Km von Rathenow nach Oschersleben

Bei grauem Himmel und leichtem Nieselregen sind wir von Rathenow Richtung Südost zur Elbe gefahren; auf dem Elberadweg dann nach Magdeburg. Leider war der Elberadweg an einigen Stellen wegen Reparaturarbeiten an den Deichen gesperrt, so dass man Umwege über die Dörfer nehmen musste. In zunehmenden Regen erreichten wir Hohenwarthe (mit der beeindruckenden Schleuse), und kurz danach Magdeburg. Schüchtern haben wir im Herrenkrug Magdeburg nachgefragt, ob man solche tropfnassen Gäste auch willkommen heißen würde - tat man. Wir haben mit unseren triefenden Klamotten zwar Teile des Cafes unter Wasser gesetzt - die Bedienung blieb aber standhaft herzlich. Mit Kaffee und Kuchen gestärkt wieder rein in die klamme Kleidung und weiter.

Der Weg durch Magdeburg hat sich dann etwas gezogen; die Strecke bis Oschersleben nicht sonderlich spannend. Übernachtung im Gasthof Schondelmaier. Viele Zimmer verteilt auf mehrere Häuser; ein lustiger Karpfenteich in der Mitte. Abendessen dann mit leider nur mäßiger Qualität im gasthofeigenem Restaurant.

Tag 2: Oschersleben nach Braunlage, 74 km

Gut geschlafen, gut gefrühstückt, getrocknete Kleidung, weiter gehts auf nebliger Strasse. Die Route führte uns über Groning nach Halberstadt; dort dann den ersten Schauer mitgenommen.

Nach Halberstadt am Bächlein Holtemme entlang, das sich ob der Regenfälle zu einem selbstbewussten Fluss entwickelt hat.

Hinter Derenburg mittenrein in Hagel und Wolkenbruch. Schutzsuchend unter Bäume gekrochen, nach 15 Minuten regneten diese dann nach unten einfach ab, was oben drauffiel. Die regendichte Regenjacke: durchnässt. Sogar die Ortlieb Taschen waren durch. Nach einer halben Stunde mäßigte sich der Wolkenbruch zu einem Landregen. Da wir eh komplett durchnässt waren, sind wir mit schmatzenden Schuhen zu den Rädern und weiter.

Alles schwimmt, alles voll Wasser. Selbst kleine Trampelpfade sind wadenhoch voll Wasser. Noch so ein Wolkenbruch und wir sitzen im Zug nach Berlin.

Die Drohung wirkte; vor Wernigerode, dem Städtchen vor dem Harz, verzog sich der Regen, die Sonne blinzelte durch die Wolken und liess Nebel aufsteigen. Eigentlich wäre ja eine Pause in einem Cafe gut, doch wer weiß wie lange die Regenpause anhält. Also gleich weiter, durch Wernigerode hindurch Richtung Berge. Auf den Straßen strömt das Regenwasser talwärts. Alles fließt, und wir mittendurch. Indes: die Bedenken, als Flachlandradler mit Gepäck die Anstiege nicht zu schaffen waren unbegründet.

In Drei Annen Höhe kurze Rast an einer Gulaschkanone. Von Osten verfinstert sich der Himmel erneut, Blitze zucken in der Ferne, Donnergrollen rollt an. Aussitzen oder weiter? Die Hummeln im Hintern treiben uns voran. Bergauf, bergab Richtung Elend. Im Donnerlärm flüchten wir uns in das Rasthaus beim Schwimmbad. Unsere immer noch nasse Kleidung setzt auch dieses Cafe unter Wasser. Kaffee und Kuchen, Donner grollt, aber kommt nicht näher.

Die letzte Etappe dann bis Braunlage nur noch ein Katzensprung. Unterkunft im alten Fortshaus. Raus aus den nassen Klammoten, duschen und ein Spaziergang im Städtchen. Dann sehr lecker Essen im Restaurant im Forsthaus. Überraschung: Braunlage ist besetzt von Dänemark. Alles wimmelt von Dänen, die mit ihren Fahrrädern hier Urlaub machen und Höhenmeter erarbeiten.

Tag 3+4: Braunlage nach Göttingen, Übernachtung in Gleichen, 94 km

Die Wolkenbrüche hinter uns gelassen, bei freundlichem Wetter zunächst querfeldein, dann in rasanter Abfahrt nach Bad Sachsa hinab. Kurz danach - nach Bartofelde - wieder mal eine Komoot Überraschung. Links abbiegen, wo kein Weg, sondern nur ein Hügel ist. Egal, mutig die Räder hinaufgeschoben, landeten wir auf dem Grünen Band aka Kolonnenweg - der Grenzlienie zwischen BRD und DDR. Die Räder humpeln und hüpfen über den Plattenweg, das Auge schweift durch die Landschaft. Endlose Weiten, kaum eine Siedlung. Natur pur. Wunderschön.

Dann runter vom Höhenweg, das hübsche Silkrode und ein paar weitere Dörfer passierend in das schmucke Fachwerkstädtchen Duderstadt, die “Hauptstadt” des katholischen Eichsfeldes.

In Duderstadt Pause im Cafe am Marktplatz, dann die letzten Kilometer nach Sennickerode / Gleichen; Herzlicher Empfang und Übernachtung bei Familie. Ein schöner Abend bei nun herrlichem Sonnenschein.

Am nächsten Tag dann kurze 15 Kilometer bis Göttingen und mit dem Flixbus nach Berlin zurück.