Musikersuche in Berlin, wie geht denn das?

Alleine Musik machen ist langweilig, zusammen macht es mehr Spaß. Dachte ich mir, und machte mich auf die Suche nach Gleichgesinnten.

Vorweg: Ich spiele seit rund 30 Jahren Gitarre, in der Sturm und Drang Zeit eher klassisch/Konzertgitarre, dann 10 Jahre eher wenig; seit 10 Jahren wieder sehr intensiv, Steelstring und E-Gitarre. Vor etwa 2 Jahren hab ich angefangen, zu singen. Aber alleine ist das auf Dauer doof. Ab und an bin ich bei Verwandten im Rheinland und mache dort mit denen Musik. Schade, dass die soweit weg sind - es muss doch auch hier Gleichgesinnte geben.

Meinen ersten Versuch, Mitmusiker zu suchen, machte ich Januar 2014. Ich schrieb eine zaghafte Annonce in dem Portal musiker-sucht.de; Ich hab mein Alter (~50) und meine Vorlieben reingeschrieben (Alter Kram wie Stones, GnR, mittelaltes wie Oasis u.s.w.).
Ich wartete auf Antworten und wartete - vergebens.

Also hab ich mich auf dem Portal umgeschaut nach Leuten, die ebenfalls Musiker suchen. Ich errinnere mich an eine Ü40 Band, die einen Gitarristen suchte. Auf meine Anfrage per Mail (mit Selbstdarstellung von mir) bekam ich eine dermaßen arrogante und pampige Antwort, dass ich bedient war und das Thema Musikersuche erst mal liegen ließ.

Oktober 2014 dann - wieder nach einer mehrtägigen Session im Rheinland - hatte ich die Nase von meinem musikalischem Eremitentum in Berlin gestrichen voll und unternahm einen weiteren Anlauf; diesmal nicht nur auf musiker- sucht.de sondern auch auf berlinmusiker.de. Die Anzeige war im Gegensatz zur vorigen konkreter: Mitmusiker (Gitarre + Gesang) gesucht, wöchentliches Treffen; bevorzugt Spandau und Umgebung. Sowie meine musikalischen Vorlieben (wie bei der ersten Anzeige), mit der Behauptung, eigentlich offen für alles zu sein (dazu unten mehr).

Und siehe da - diesmal bekam ich Antworten; außerdem meldete ich mich selber auch noch bei  Leuten, die selber Anzeigen aufgegeben hatten. Aber offensichtlich gilt hier: Meine freundlichen Anfragen werden nicht immer beantwortet. Ist halt wie im richtigen Leben. Wobei auch ich feststellen musste, dass eine freundliche und nette Anfrage an mich mir durchgerutscht ist.

Und? War was dabei?

Mit 5 Leuten und Bands hab ich mich dann innerhalb von ca 3 Wochen getroffen. Prima, so hatte ich jede Menge Vergleichsmöglichkeiten.

Die ersten waren eine Band aus Pankow, bei denen ich im Übungsraum meine Gitarre auspackte und vorspielte und sang. Wenn man das zum ersten Mal macht, ist das schon ein komisches Gefühl. Smells like teen spirit :-) Eine Setlist mit 15 Titel haben die, sowie die Bereitschaft, Titel die ich gut finde aufzunehmen.
Wir haben dann ein paar Songs versucht zusammen zu spielen, das hat aber m.E. nicht sonderlich gut geklappt. Zum einen sind mir fast die Ohren rausgeflogen, so laut war das. Zum anderen waren schon alle Töne da wo sie hinsollten; mein Geplänkel dazu war - naja, irgendwie fehl am Platz. Kein Platz mehr für Töne, schon gar nicht für das Singer-Songwriter Gestrumme, dass ich für mich alleine so abliefere.

Der zweite war ein junger Mann aus Lichtenberg, der nur Beatles Songs spielte. Bei diesem hatte ich mich auf eine Anzeige von ihm gemeldet. Kam leider nicht in Frage - nur Beatles ist mir dann doch zu dröge; +20 Jahre Altersunterschied ist auch komisch, und spieltechnisch waren wir auch nicht auf einer Ebene. Aber nett war es trotzdem, bin sogar zum Essen eingeladen worden :-)

Der dritte war ein Mann aus der Ukraine/Krim, der - vom Schicksal gebeutelt - eine schwere Herzerkrankung hat. (Selbst das ist noch eine Untertreibung. Solche Begegnungen lassen einen auf einmal ganz bescheiden werden.) Das Zusammenspiel klappte auf Anhieb; allerdings wollte er doch sehr auf die Bühne, um darüber Geld zu verdienen. Ich aber hab nen Job und will Musik nur aus Spaß machen. Bühne ja, aber nur ab und an - für Spaß, nicht Geld.

Die vierten waren eine Band aus Potsdam, die jemand suchten, “der sie nach vorne bringt”. Nette Leute, sympathisch. Aber im Band-setup nicht so weit wie die Jungs aus Pankow. Die brauchten einen Bandleader, und ich suchte ja eigentlich nur Mitmusiker. Und die Band aus Pankow hat mir schon gezeigt, dass ich in Sachen Bandplay eh noch was lernen muss.

Der fünfte schließlich war dann einer aus Spandau. Nach eigenem Bekunden wollte er eigene Songs schreiben, und nachdem das erschöpfend beteuert wurde und man auf mein Drängen hin endlich mal zur Gitarre griff und einen Titel spielte, war das dann leider doch nicht so dolle (sorry).

Und was nu?

Tja, unverhoffterweise befand ich mich dann in der kuriosen Situation, mich entscheiden zu müssen.
Entschieden hab ich mich dann für die Band aus Pankow. Das sind nette Jungs, ist fahrtechnisch erreichbar, passt zeitlich, passt vom Alter und von den Songs. Ein Proberaum und Equipment ist da. Und Erfahrung ist auch da, von der ich profitieren kann.

Was ich dabei gelernt habe:

  • Die Begegnungen mit den anderen Musikern auf meiner Suche hat mir einige kuriose Geschichten beschert. Das möchte ich nicht missen!
  • Es muss vom Alter passen. Ich will weder bei The Voice of Germany mitmachen, noch muss ich unbedingt nächsten Jahr einen Vertrag bei einem Major Label abschließen.
  • Es muss von der verfügbaren Zeit passen.  Wenn Du berufstätig bist, ists einfacher wenn die anderen es auch sind. Dann haben alle die gleiche Wertschätzung von Zeit. Aber es ist halt schwieriger einen Termin zu finden.
  • Es muss von den Songs passen. Auch wenn jeder sagt, dass er offen für alles ist: Alles gelogen. Der eine will keine Stones Songs, der andere nur Beatles. Schlimmer noch: jeder hat seine Bilder im Kopf von den Titeln, die er nicht will. Wenn man dann aber einen solchen Titel spielt, gehts interessanter Weise dann doch, weil es eben anders klingt. Ich hab zB bei meiner Pankower Band Pickel bekommen, als ich die Deutschrocktitel auf der Setlist sah. Und hab bei meinem “Einstellungsvertrag” dann ausgehandelt, diese nie, nie niemals singen zu müssen. Aber siehe da, auf einmal gefallen sie mir :-)
  • Es muss von den Fähigkeiten passen. Das ist für Hobbymusiker sicher am schwersten abzuschätzen. Ist dein Partner zu schlecht, willst Du nicht. Ist dein Partner zu gut, will der nicht. Das kriegt man nur durch Proben heraus.
  • Wenn man was Dauerhaftes sucht:** Für mehr als ein Engagement ist eigentlich nicht Zeit**. Sich einlassen auf die anderen Musiker und gemeinsam die eigene Interpretation erarbeiten, ist - wenn man nicht Profimusiker ist - genug Beschäftigung. Es ist und soll ja auch ein Bekenntnis sein, es einigermaßen ernsthaft zu meinen mit dem gemeinsamen Musik machen, womit wir schon beim nächsten Punkt wären:
  • Es muss von den Ambitionen und Zielen her passen. Das war mir bei meiner Annonce noch nicht so klar wie es mir jetzt ist. Die meisten Leute auf den Portalen wollen auf die Bühne. Wenn man das auch will, dann muss man eben viel proben. Die Alternative dazu ist gelegentliches Jammen. Da jemanden zu finden wird schwierig. Denn die Leute, mit denen das Jammen auf Anhieb Spaß macht, haben eben auch das Zeug dazu auf die Bühne zu gehen.
  • Man braucht Geduld. Selbst in einer Millionenstadt wie Berlin ists schwierig. Meine Vorstellung, die Wunschmusiker hier in Spandau zu finden, war Blödsinn (was vielleicht auch an Spandau liegt).
  • Wenn man sich auf eine Annonce bewirbt und keine Antwort erhält - nicht ärgern, sondern noch mal anschreiben. Vielleicht ist der andere auch ein netter Mensch mit einem viel zu vollen Email-Postfach.
  • Wenn ich nochmal eine Anzeige bei den Portalen schreiben würde, dann tät ich genau reinschreiben was ich will: zB wöchentliche Probe, ein paar Gigs im Jahr. Nicht reinschreiben würde ich die Titel, die ich gute finde (siehe oben). Außerdem: Lieber erst mal telefonieren; da merkt man dann ganz schnell, ob die Chemie stimmt.

Jetzt bin ich seit knapp 3 Monaten bei den Pankowern und mit meiner Entscheidung zufrieden. Auf die wöchentliche 3-4 stündige Probe freue ich mich jedesmal riesig; und den Platz für meine Töne hab ich auch gefunden. Sowohl auf der akustischen als auch auf meiner Fender Strat.